Der Bundestag ist „Politik in XXXL“

Susanne Mittag (SPD) ist seit 2013 Abgeordnete

Susanne Mittag (SPD) ist Mitglied des Deutschen Bundestages aus unserem Wahlkreis. Bevor sie MdB geworden ist, war sie Polizeibeamtin. Im Interview erzählt sie, wie der Wechsel in die Politik war.

ABER HALLO: Wann und warum haben Sie sich dazu entschieden, in die Politik einzusteigen?

Susanne Mittag: Das ist ein fortlaufender Prozess gewesen. Aber es gab Momente, wo die Entscheidung letztendlich gereift ist und das hatte etwas mit meinem früheren Beruf als Polizeibeamtin zu tun. Wir hatten oftmals mit häuslicher Gewalt zu tun. Öfter mussten nachts Frau und Kinder die Wohnung verlassen, weil der Ehemann aus dem Ruder gelaufen ist.

Damals gab es noch keinen Anspruch darauf, dass der Mann der Wohnung verwiesen wird. Da wusste man nicht, wo man die Frau lassen konnte, wenn sie keine Verwandten oder Bekannten hatte. Es fehlte ein Frauenhaus. Dieses gab es nämlich noch nicht. Ich habe Polizeidienst in Delmenhorst, der Wesermarsch und Oldenburg gemacht. Da ich im Ort weiterleben wollte, habe ich mir gedacht: „Wenn Dinge nicht funktionieren, dann sollte man sich beteiligen.“

Das war der Einstieg, sich politisch, gesellschaftlich zu engagieren, damit es in dem Ort, in dem man lebt, besser wird. Ich habe mir eine Partei gesucht, wo man das gut verwirklichen kann, die auch der eigenen Auffassung am nächsten kommt. Das war für mich die SPD und dort bin ich jetzt seit über 30 Jahren tätig.

ABER HALLO: Sind Sie mit dem Frauenhaus weitergekommen?

Über die Politik vor Ort etwas verbessern

Susanne Mittag: Vor über 25 Jahren ist das erste Frauenhaus, welches es heute noch gibt, in Delmenhorst gegründet worden. Einige Jahre später mit einer Zweigstelle in Form von Frauenschutzwohnungen im Landkreis Oldenburg. Die Wesermarsch bekommt jetzt auch eins, zusammen mit einem Nachbarlandkreis, insofern ist das leider immer noch ein Thema.

ABER HALLO: Sie sind ja ehemalige Polizistin, da würde mich interessieren: Wie war der Wechsel in die Politik?

Susanne Mittag: Der Wechsel in die Politik war nicht schlagartig, weil ich vor meiner Bundestagszeit schon 20 Jahre im Kommunalparlament – im Stadtrat der Stadt Delmenhorst – ehrenamtlich tätig war. Der Wechsel in den Bundestag ist unvergleichlich und eine völlig andere Welt.Ich habe gewusst, wie Grundstrukturen laufen, das ist wie in jedem Gemeinderat, jedem Kreistag, jeder Stadtratsfraktion, nur in XXXL – alles erheblich größer. Ich habe eine ganze Weile überlegt, ob ich meinen Beruf dafür aufgebe. Da es aber eine einmalige Chance ist, habe ich mich dafür entschieden. Das habe ich auch keine einzige Sekunde bereut.

ABER HALLO: Was war bisher die schwierigste Situation, seitdem Sie Abgeordnete sind? Im Wahlkreis, als auch in Berlin.

Susanne Mittag: Schwierig eigentlich keine. Es sind ungewöhnliche Situationen. Situationen, die natürlich auch ein wenig stressen, weil sie völlig neu sind. Dabei ist es nicht einfach, vor einer großen Menschenmenge zu reden oder in Podiumsdiskussionen zu sein. Das ist schon sehr aufregend. Aber man wächst auch mit den neuen Herausforderungen. Dies hat eventuell mit meinem vorherigen Beruf zu tun, weil man dort auch oft in sehr unterschiedlichen Situationen war und es deswegen übt, auch mit außergewöhnlichen Situationen klarzukommen.

ABER HALLO: Gibt es etwas, an das Sie sich besonders gerne zurückerinnern?

Susanne Mittag: Es gibt schöne und auch sehr bewegende Momente. Eines war natürlich die Nominierung. Viele eigene Genossen haben gesagt, dass ich kandidieren soll. Das war schon sehr entscheidend. Der allerschönste Moment danach war meine erste Rede im Bundestag, das war sehr ergreifend. Ich habe jetzt schon häufig dort geredet und es ist immer noch ein besonderer Moment. Aber die erste Rede im Bundestag war schon sehr beeindruckend und man wird dann doch ein bisschen ehrfürchtig.

ABER HALLO: Was liegt Ihnen am meisten am Herzen in der Politik?

Susanne Mittag: Eigentlich funktioniert es in Deutschland ganz gut. Aber auch, wenn es gut läuft, gibt es immer bestimmte Bereiche, in denen man noch einiges verbessern kann. Es ergeben sich, weil sich auch alles wandelt, immer mal wieder neue Problemlagen oder Veränderungsnotwendigkeiten. Wir arbeiten an Gesetzen, man kann einen Halbsatz in ein Gesetz mit hereinbringen und dann weiß man, wenn dieser durchkommt, funktioniert es zuhause.

Alles, was wir mit Bund und Ländern organisieren, beschließen und verteilen, hat mit den Menschen vor Ort zu tun. Wir bringen Politik nahe, an jeden einzelnen. In Deutschland bekommen wir Geld von allen und verteilen dies an alle zurück, nur anders verteilt (Steuergeld). Wir sind auch darauf angewiesen, einen Rücklauf zu bekommen, sodass ein möglichst intensiver Austausch stattfindet, auch konstruktiv, nicht nur destruktiv . Das macht seit sieben Jahren viel Spaß

ABER HALLO: Wie könnte man mehr Jugendliche für politische Themen begeistern?

Susanne Mittag: Deswegen reden wir beide zum Beispiel. Ich brauche die Ideen von Jugendlichen. Es haben sich über Generationen die Themen und wie man damit umgeht total geändert. Das kann ich nicht mehr mit meiner Jugend vergleichen.

Tierwohllabel soll Landwirtschaft verbessern

Ein Austausch mit Jugendlichen ist wichtig! Deswegen finde ich es schön, wenn Schulklassen nach Berlin kommen. Wenn ich dann auch politische Themen in Schulen vorstellen kann und jeder etwas fragen darf. So kann man auch Politik näherbringen. Für alle, die gerade 16 sind: Ihr könnt Kommunalparlamente wählen. Ich sage immer: „Es ist wichtig, dass man die Zukunft, nicht nur den Eltern und Großeltern überlässt.“ Wir haben eine Jugendorganisation, die JUSOS. Das ist immer die Hoffnung, dass wir über diese dann Details mitkriegen.

ABER HALLO: Wie wichtig ist die Landwirtschaft für unsere Region hier im Nordwesten??

Susanne Mittag: Sehr wichtig. Wenn wir unser Augenmerk auf die Wesermarsch legen, haben wir mehrere Themen, die derzeit debattiert werden, zum Beispiel das staatliche Tierwohllable, das bislang nur für Schweine ist, bald aber auch für Rinder, Geflügel, Milch und Eier sein soll. Das hätte Auswirkung für eine bessere Bezahlung der Landwirte. Auch für die Wesermarsch, weil hier viel Milchviehhaltung ist.

Neue Regelung für Tierversuche und Tiertransporte, beim Tierwohllable, die Änderung in der Nutztierhaltung, im Transport und bei der Schlachtung: Das sind alles Punkte, die noch nicht geregelt sind, bei denen es noch Verbesserungsbedarf gibt. Dies müssen wir mit dem Koalitionspartner und der Landwirtschaftsministerin verhandeln.

| Interview: Sandra Eilers, Kl. 9b |
| Bilder: Büro Susanne Mittag |

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